„A long way home“

 Zu den Arbeiten von Sayyora Muin


Es ist ein langer Weg nach Hause. Die Arbeiten von Sayyora Muin erzählen davon. Im Medium der Zeichnung, Fotografie und Installation widmet sich die 1977 im usbekischen Taschkent geborene Künstlerin der Frage nach Heimat. Dabei reflektiert und formuliert sie in ihren Arbeiten die ebenso persönliche wie allgemeingültige Frage nach Herkunft und Verwurzelung immer wieder neu. 

 Hierfür eignet sich die künstlerische Sprache der mit technischer Bravour ebenso zart wie höchst präzise ausgeführten großformatigen Tuschzeichnungen Sayyora Muins in hervorragender Weise. In fließenden Linien und mit delikater Binnenzeichnung vermag die Künstlerin Gedanken und Gefühlen Ausdruck zu verleihen, deren Zeitlosigkeit in der abstrahierenden Stilisierung von Figuren und Räumen ihre Entsprechung findet. Traumartig wirken dabei zart angedeutete und an die Rafinesse japanischer Tuschmalerei erinnernde Bildsequenzen wie Häuser und Menschen, die sich ihren Figuren einschreiben. 

Die Traumverlorenheit der Frauenfiguren wird  durch jene formal reduzierte Bildsprache unterstrichen, die an Zeichnungen des europäischen Art Déco erinnert und dabei von der zweiten Profession Sayyora Muins kündet, die in Taschkent an der Kunstfachschule Kostümbild und an der dortigen Hochschule Buchillustration studiert hat und an der Universität der Künste Berlin im Fach Bühnenkostüm ausgebildet wurde. 

 Die farbigen Akzente, mit denen die Künstlerin einzelne Partien ihrer weitgehend monochromen und auf nuancenreich ausgelotete Schwarz- und Weißtöne gestimmten Zeichnungen hervorhebt, bedingen einen formalen Spannungsreichtum, der in Bezug zu setzen ist mit dem vielfältigen Symbolgehalt ihrer Arbeiten. Die Zeichnungen Sayyora Muins halten die Balance zwischen dekorativem Appeal, polyvalenter Symbolik und traumhafter Phantastik.

 

Von der Erfahrung, dass man seine Herkunft stets mit sich trägt und Ortswechsel nicht zwangsläufig den Ausriss der eigenen Wurzeln bedeuten, kündet auch die Installation Ahnenpfahl. Im Schatten der vergessenen Ahnen (2022) Hierin verleiht die Künstlerin ihren namenlosen Ahnen ein Gesicht und verweist dabei auch auf die gesellschaftspolitische Lage in Usbekistan – ihrer Heimat in Zentralasien, wo in den 1920er Jahren sämtliche Spuren der Zeit vor der Machtübernahme durch das Sowjetregime getilgt worden waren. In ihrer eindrucksvollen Installation widmet sie sich der Frage, in wieweit das Leben ihrer Vorfahren auch ihr eigenes Leben beeinflusst und verleiht dieser Frage metaphorische Gestalt. Vier Frauenkörper und -köpfe verbinden sich in einem Ahnenpfahl durch zahlreiche Stoffschichten zu einem einzigen Wesen, dem die Künstlerin in vier Himmelsrichtungen Wege aus Sand eröffnet, die auf halb verschlossene oder geöffnete Türen zu führen. 

Die wettergegerbten und von Falten durchfurchten Gesichter der vier lebensgroßen Frauen und die Schwere ihrer in vielzähligen Schichten übereinander gelegten, sandfarbenen Kleidung lassen dabei an jüngere und jüngste Ereignisse des weltpolitischen Geschehens denken – an das „auf dem Weg sein“ durch Krieg, Flucht und Vertreibung. Gleichzeitig reflektiert die Installation die ganz persönliche Geschichte der Künstlerin, die vor rund zwanzig Jahren aus dem usbekischen Taschkent nach Deutschland kam, um in Berlin ein neues Leben zu beginnen. So ist das gesteppte Material des Mantelstoffes mit der Tracht des nomadischen Steppenvolkes der Usbeken in Zentralasien konnotiert, sind die hölzernen Türen den Altstadttoren Usbekistans nachempfunden und erinnert die raue Struktur der baumwollenen Textilien an die Formation des Grundes des ausgetrockneten Aralsees. 

In ihrer Arbeit Listen to the silence of the lost sea (2011-14) hat sich Sayyora Muin mit dem menschenbedingten Verschwinden des Aralsees in ihrer usbekischen Heimat und dem damit einhergehenden Verlust einst blühender umliegender Orte beschäftigt. Zeichnend, fotografierend und installativ verleiht die Künstlerin der Frage nach dem, was bleibt, wenn das, was gewesen ist, nicht mehr zu sehen ist, Ausdruck. Indem sie den Protagonistinnen ihrer Installation ebenso individuelle wie typisierte Züge verleiht, macht sie diese zur Projektionsfläche für eigene Gefühle und Gedanken. So ist Sayyora Muins Installation, die 2015 auf der 56. Biennale in Venedig ausgestellt war, begehbar – Betrachterinnen und Betrachter sind eingeladen, der Aufforderung des Installationstitels zu folgen und der Stille des „verlorenen Sees“, der bis 1960 der viertgrößte Salzsee der Welt war, bis die ihm zufließenden Flüsse zum Zwecke der Landwirtschaftsförderung umgeleitet wurden, nachzuspüren und sich selbst zu befragen.

 

 Die formale Gestaltung der Installation spricht für sich: Auf salzigem Untergrund lässt die Künstlerin mehrere Frauen bei einander sein, deren Körper von dem groben Stoff ihrer weiten und faltenreichen Mäntel verdeckt werden, deren Gesichter jedoch Einblick in ihre jeweiligen Gedankenwelten geben: Nachdenklichkeit und Trotz, Widerstand, Schmerz und Leid ist ihnen eingeschrieben. An den Gesichtszügen der Frauen wird ablesbar, was verloren und verschwunden ist und was in der Erinnerung, im Innehalten wieder zutage tritt. Die dicken, widerstandsfähigen Stoffe, die sie umhüllen, verleihen Schutz und Trost. Durch ihre Gewänder mit ihrer rauen Oberflächentextur werden die Protagonistinnen auch formal eins mit ihrer Umgebung, dem zur Salzwüste ausgetrockneten See.

Es ist die enge Verwobenheit mit der Umgebung und mit den Menschen, die die Frauen vor Ort bleiben und den Unbilden ihrer Zeit trotzen lässt. Es war der Künstlerin „wichtig, dass die Materialien ‚Eins-Werden’ mit dem ausgetrockneten salzigen Seeboden.“ Jene räumliche und menschliche Verbundenheit thematisiert Sayyora Muin auch in ihren eindrucksvollen Fotografien Listen to the silence of the lost sea, in der sie die raue Textur der Stoffe ihrer Installation mit dem ausgetrockneten See in einen Dialog treten lässt, der von der Verbundenheit der Menschen mit dem See erzählt und dessen Schicksal in der brüchigen Oberflächenstruktur des widerstandsfähigen Stoffes ihrer Gewänder seine Parallele findet.

Die Arbeiten von Sayyora Muin sind „Embodied Thoughts“. Mit den Mitteln von Zeichnung, Fotografie und Installation verleiht die Künstlerin gedanklichen Fragestellungen Ausdruck, die sie persönlich beschäftigen und gleichzeitig von allgemeingültiger und zeitloser Relevanz sind. Ihre Arbeiten reflektieren das Thema Identität und beschäftigen sich mit geografischen und kulturellen, biografischen und geschichtlichen Prägungen. Immer wieder setzt sich die Künstlerin dabei auch mit der Bedeutung von Heimat und Freiheit auseinander, wie in ihrer Fotoserie Before they are gone (2019), in der sie einem zentralen Thema ihres Werks, dem „Auf-dem-Weg-sein“ in besonders sprechender Weise Ausdruck verleiht. Hierin lässt Sayyora Muin ihre einsamen Protagonist*innen über die Natur reflektieren und mit ihr interagieren – geschützt und gleichsam gerüstet durch jene schichtenreiche und an die Installation „Embodied Thoughts“ erinnernde Kleidung, die auf die Unbehaustheit des Menschen in der Welt verweist.

Nicht selten mag man sich durch die Arbeiten Sayyora Muins an die bekannte Frage ,„Wo gehen wir denn hin?“ des romantischen Dichters Novalis (1772-1801) erinnert fühlen. Die in den vielgestaltigen Werken der Künstlerin gestellte Frage nach Heimat geht jedoch weit über einen romantischen Impetus hinaus und zielt letztlich auch auf einen lebenspraktischen Umgang mit dem Verlust von Wurzeln und Bindungen ab. Auch ihre Antwort jedoch mag ähnlich lauten wie jene Novalis’, der auf die Frage nach der Richtung des Weges antwortet: „Immer nach Hause.“

 

Miriam-Esther Owesle